Charles Schumann: „Ich kann einfach nicht nichts machen“

Manche Menschen eröffnen eine Bar. Andere erschaffen einen Mythos. Charles Schumann gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Barkeeper, Model, Autor und Gastgeber mit unverwechselbarem Stil: Seit Jahrzehnten prägt er die internationale Barkultur. Mit 85 Jahren steht er noch immer für Haltung, Direktheit und Neugier – und vor allem jeden Tag hinter seiner Bartheke in München.
November 5, 2026 | Text: Claudio Honsal | Fotos: Marco Polex | Raphael Gabauer | Schumann‘s

Wer um 9 Uhr am Morgen über den Münchner Odeonsplatz schlendert, könnte ihm begegnen: Charles, auf dem Weg in sein „Schumann’s“. „Ich bin jeden Tag von 9 bis 22.30 Uhr in der Bar, auch samstags.“ Da hat die Bar traditionell geschlossen. „Am Samstag hast nur ein Klientel, das wir nicht haben wollen“, sagt der Grand Senior der Barwelt. „Wir sind kein Eventladen. Für mich ist eine Bar ein Platz, wo man alleine hingehen kann und vielleicht auch alleine wieder weggehen sollte!“ Dieses Prinzip hat seit 45 Jahren Bestand. Schumann ist zur Ikone geworden, obwohl – oder gerade, weil – er sich den Trends der Szene nie unterworfen hat.  „Weniger Schnickschnack, mehr Persönlichkeit“, so sein Credo. 

Charles Schumann sitzend, lehnt Kopf an der Hand.
Charles Schumann, der Sir der Barszene, feierte am 15. September seinen 85. Geburtstag – und zieht völlig unpathetisch ein ehrliches Lebensresümee.

Wer um 9 Uhr am Morgen über den Münchner Odeonsplatz schlendert, könnte ihm begegnen: Charles, auf dem Weg in sein „Schumann’s“. „Ich bin jeden Tag von 9 bis 22.30 Uhr in der Bar, auch samstags.“ Da hat die Bar traditionell geschlossen. „Am Samstag hast nur ein Klientel, das wir nicht haben wollen“, sagt der Grand Senior der Barwelt. „Wir sind kein Eventladen. Für mich ist eine Bar ein Platz, wo man alleine hingehen kann und vielleicht auch alleine wieder weggehen sollte!“ Dieses Prinzip hat seit 45 Jahren Bestand. Schumann ist zur Ikone geworden, obwohl – oder gerade, weil – er sich den Trends der Szene nie unterworfen hat.  „Weniger Schnickschnack, mehr Persönlichkeit“, so sein Credo. Auch bei Drinks kennt er keine Kompromisse: „Jeder, der damit angibt, etwas neu erfunden zu haben, ist ein Narr. Es reichen drei Zutaten. Ein Drink ist perfekt, wenn du nichts mehr weglassen kannst“, schwört der Mann, der mit Klassikern wie „Swimmingpool“ und „Flying Kangaroo“ ebenso verbunden wird wie mit seinem Standardwerk „Schumanns Barbook“. Über 600.000 Mal verkauft, ist es für Bartender rund um den Globus längst zur Bar-Bibel schlechthin avanciert. 

Charles Schumann sitzend, lehnt Kopf an der Hand.
Charles Schumann, der Sir der Barszene, feierte am 15. September seinen 85. Geburtstag – und zieht völlig unpathetisch ein ehrliches Lebensresümee.

Work-Life-Balance in der Bar geht nicht

Privat trinkt die Barlegende am liebsten pur. Hinter dem Tresen dagegen nie. Der Grund ist logisch und einleuchtend: „Als Barkeeper bist du da oder nicht da – je nachdem, wie es gewünscht ist. Aber ein bisschen da bist du immer, weil das deine Aufgabe ist. Wenn du aber als Barkeeper trinkst, bist du bald gar nicht mehr da!“ Ein professioneller Rat, den er auch im monatlichen Mitarbeiterbrief gern per Mail weitergibt. Schumann führt sein Team nicht mit schwammigen Motivationssprüchen, sondern mit klaren Ansagen. „Man muss die Richtung vorgeben. Wer unseren Beruf nur als Job sieht, der ist hier fehl am Platz! Interesse und Freude sind die Grundsäulen. Eine Work-Live-Balance wird sich in der Barwelt nicht ausgehen.“ Ruppig ist er manchmal, doch seine eigentliche Kunst liegt im Verständnis der Bar als Bühne – allerdings nicht als Bühne für den Barkeeper allein. „Der Barkeeper sollte nicht wichtiger sein als der Gast.“

Interior von Schumann's.
Puristisch, klarer Stil auch im Schumann‘s. Charles Schumann setzt auf schlichte Eleganz. Ebenso selten wie das Interior tauscht er auch sein Team aus – er ist ein Langzeitarbeitgeber.

Team von Schumann's, schwarz-weiß.

Nachdenkliche Momente einer Ikone

Ein Motto begleitet ihn ebenfalls seit Anbeginn: „Weitermachen und nicht weinen, aber vor allem neugierig sein!“ Dazu gehören täglich 30 Minuten Laufen, Gymnastik und bewusst eingeplante Zeit zum Runterkommen. Er will nicht unbedingt 100 werden, aber immer gut auf sich aufpassen. Eitel sei er, sagt er, mehr noch als früher. Ganz ohne nachdenkliche Momente geht das Älterwerden trotzdem nicht. „Mit 85 liegst du manchmal in der Nacht wach und denkst dir: ‚Was soll der ganz Scheiß?‘ Aber ich kann einfach nicht nichts machen.“ Die Endlichkeit gehört inzwischen ebenfalls zu seinen Gedanken. Nicht dramatisch, nicht pathetisch, sondern mit der Direktheit, die ihn auszeichnet. „Ich habe keine Angst vorm Sterben. Schön wäre es, wenn ich halbwegs selbstbestimmt gehen könnte“ – so wie sein Vater, der mit 90 seine Familie um sich versammelte und sanft einschlief. Krank war Schumanns Vater nie, wie er selbst auch. Dennoch wünscht er sich für die Zukunft vor allem Gesundheit und „neugierig bleiben! Wenn du kein Interesse mehr verspürst, ist das Ende nah.“

Kein Ruhestand in Sicht

Stillstand, Pension? Kein Drandenken! „Ich brauche keine Bar, aber wenn ich Menschen um mich haben will, muss ich in der Gastro bleiben.“ Ein kleines Restaurant schwebt dem Japanliebhaber vor. „Gastfreundschaft, frische Produkte, Reden und höchsten für zwölf Personen. Aber da müsste ich nach Japan ziehen.“ In einen Zen-Tempel in Kyoto war Schumann 2025 einen Monat lang als Gast-Bartender tätig. Auch nochmals als Model im Rampenlicht stehen kann er sich vorstellen, wie 2026 bei der Kampagne für den Luxus-Sneaker von Berluti: „Sowas plant man nicht, die Brands kommen auf dich zu und das freut einen schon.“ Fix hingegen ist sein neues Buch „The Stage as a Bar“, es soll 2027 erscheinen: „Keine Biografie, sondern ein Nachdenken über die Arbeit und die Gäste – ganz ohne prominente Namen.“ Seine Autobiografie möchte Schumann 2027 dann auch noch selbst schreiben. 

Schumann sperrt zum ersten Mal sein "Schumann's" auf.
Der erste Arbeitstag als Barbesitzer ist mittlerweile 45 Jahre her. Schumann sperrt sein „Schumann‘s“ am Odeons Platz auf.
Schmuann's Negroni.
Schumann‘s Negroni mit Japan-Twist: 15 cl Campari, 3 cl Sake, 15 cl Coochi Rosse, 1 cl Suze, 2 Barlöffel Raspberry Vinegar, 1 Schuss Absinth und Lemon Peel.

„Mein Motto hat immer gelautet: weitermachen, nicht weinen und vor allem neugierig bleiben!“

Das Schumann‘s hat kein Sterbedatum

Und was passiert mit dem „Schumann’s“, wenn Charles Schumann eines Tages nicht mehr selbst hinter dem Tresen steht? Auch darüber siniert er. Seine Überzeugung: Die Bar kann in seinem Sinne weiterbestehen, wenn das Team zusammenhält, wird das Schumann‘s auch ohne ihn kein Sterbedatum haben. Den eigenen Abschied blendet er dabei nicht aus, aber er lässt sich davon auch nicht bremsen. „Auch ich bleibe sicher nicht verschont, aber die Zeit, die mir bleibt, bis es soweit ist, werde ich noch neugierig nützen!“

Modelfoto von Schumann.
Die Stil-Ikone Schumann. Internationale Werbekampagnen u. a. für Designer wie Yamamoto, Baldessarini, Boss oder auch Campari und König Pilsener machten ihn als Model weltweit bekannt.

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