Besucherrekord und Standing Ovations: Das war die Rolling Pin.Convention Germany 2026

Was bleibt, wenn zwei Tage voller Ideen, Debatten und Begegnungen zu Ende gehen? Ein Rückblick auf die Rolling Pin.Convention Germany 2026 und ihre prägendsten Momente.
November 5, 2026 | Text: Johannes Stühlinger & Claudio Honsal | Fotos: Moving Stills |

Erst vor einer Stunde hat es „Doors open“ geheißen – doch schon jetzt ist die Kesselhalle in Düsseldorf gedroschen voll. „Absoluter Besucherrekord auf der Rolling Pin.Convention“, wird es nur zwei Stunden später heißen.Die gesamte Branche hat sich versammelt, um die über 100 Speaker aus allen Bereichen sowie die Aussteller auf der 6.000 m2 großen Expo zu erleben. Köche, Sommeliers, Mixologen, Produzenten, Lieferanten und Gastronomen aus ganz Deutschland sind hier, um sich inspirieren zu lassen. Um neue Impulse zu erleben – und um einen ganz Großen live und hautnah zu erleben: Jamie Oliver. Erstmals hat sich der vermutlich größte Revoluzzer der Kochwelt auf der Convention angesagt. 

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Erst vor einer Stunde hat es „Doors open“ geheißen – doch schon jetzt ist die Kesselhalle in Düsseldorf gedroschen voll. „Absoluter Besucherrekord auf der Rolling Pin.Convention“, wird es nur zwei Stunden später heißen.Die gesamte Branche hat sich versammelt, um die über 100 Speaker aus allen Bereichen sowie die Aussteller auf der 6.000 m2 großen Expo zu erleben. Köche, Sommeliers, Mixologen, Produzenten, Lieferanten und Gastronomen aus ganz Deutschland sind hier, um sich inspirieren zu lassen. Um neue Impulse zu erleben – und um einen ganz Großen live und hautnah zu erleben: Jamie Oliver. Erstmals hat sich der vermutlich größte Revoluzzer der Kochwelt auf der Convention angesagt. 

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Elif Oskan und Markus Stöckle auf der Rolling Pin.Convention Germany 2026 in Düsseldorf.
Wie kann man Gäste begeistern und ihnen eine unvergessliche Zeit bereiten? Elif Oskan und Markus Stöckle bewiesen bestens gelaunt, dass sie wirklich wissen, wovon sie sprechen!

Doch noch sitzt Jamie Oliver in einem kleinen Backstage-Raum. Ein Becher schwarzer Kaffee in der Hand, gute Laune und fast schon bereit für alles, was da kommen mag. „Um ehrlich zu sein: Ich bin noch ein bisschen müde“, schmunzelt der 51-jährige Weltstar mit einem augenzwinkernden Grinsen. „Tim Mälzer und ich waren gestern ein bisschen zu viel aus …“ Und zwar gemeinsam mit dem großen Lehrmeister und Mentor der beiden – Gennaro Contaldo, mittlerweile 78 Jahre alt und immer noch eine Naturgewalt. Diese charmante und entwaffnende Offenheit von Jamie ist übrigens ein bezeichnendes Bild für diese Rolling Pin.Convention Germany: Hier geht es nicht um polierte Fassaden oder simple Kochshows. Es geht um das Unverfälschte, um das Handwerk, die nackte Leidenschaft und das Herzblut einer Branche, die sich gerade radikaler neu erfindet als jemals zuvor. Ganz dem Motto der diesjährigen Convention folgend eben: Be Unique or Die!

Dass das nicht heißt, Traditionen über Board werfen zu müssen, beweisen gleich zum Auftakt Alexander Herrmann und Tobias Bätz auf der Summit.Stage. Die beiden Franken haben ihr Zwei-Sterne-Restaurant „Aura“ in Wirsberg zu einem gastronomischen Gravitationszentrum gemacht. „Wirsberg ist zwar nicht ganz am Arsch der Welt, aber wir können ihn von hier aus sehr gut sehen“, tönt Herrmann gut gelaunt in den Saal – und hat erst einmal die Lacher auf seiner Seite. Aus der vermeintlichen Einöde haben er und Bätz eine kulinarische Wundertüte entwickelt. „Nicht: Was wollen wir kochen? Sondern: Wer wollen wir sein? – das ist die entscheidende Frage“, doziert jetzt Herrmann schon wesentlich ernsthafter, während Bätz fermentierte fränkische Wassermelone mit Bärlauch und Kimchi anrichtet.

Alexander Herrmann bei seiner Masterclass bei der Rolling Pin.Convention Germany 2026 in Düsseldorf.
Alexander Herrmanns Hang zu Humor und Ironie war auch diesmal nicht zu überhören. Kostprobe? „Wirsberg ist zwar nicht ganz am Arsch der Welt, aber wir können ihn von hier aus sehr gut sehen!“

Wenig später begegnet Norbert Niederkofler dem Thema Herkunft mit alpiner Radikalität. Der Südtiroler Drei-Sterne-Pionier zelebriert seit Jahren sein „Cook the Mountain“-Konzept, frei von Zitrusfrüchten und Olivenöl. Und er kontert der angeblichen Krise des Fine Dine: „Wenn du heute eine Frau fragst, ob Chanel tot ist, wird sie dir antworten: Nein, Chanel ist nicht tot! Ähnlich ist’s mit dem Fine Dining. Wir müssen uns nur neu erfinden.“

Norbert Niederkofler auf der Rolling Pin.Convention Germany 2026 in Düsseldorf bei seiner Masterclass.
Sterne-Meister Norbert Niederkofler gab sein tiefes Wissen darüber preis, wie man als Chef seine eigene, unverwechselbare kulinarische DNA finden kann.

Wie passend, dass auch Tim Mälzer vor Ort ist. Er hat mit Formaten wie „Kitchen Impossible“ das Thema Spitzenküche in den vergangenen Jahren vermutlich intensiver belebt, als so mancher Drei-Sterne-Chef. Gemeinsam mit Sven Steffensmeier, Mastermind hinter dem TV-Erfolgsformat, gibt er jetzt Einblicke in die Welt hinter den Fernsehkulissen. Und er bringt es trocken auf den Punkt: „Bei Kitchen ist nicht der bessere Koch der Gewinner, sondern der, der besser scheitern kann!“

Tim Mälzer auf der Rolling Pin.Convention Germany 2026 mit Sven Steffensmeier
Wie kommt man zu einem Auftritt bei Kitchen Impossible? Sven Steffensmeier, Executive Director EndemolShine, gab gemeinsam mit Tim Mälzer überraschend viele Tipps preis. Spoiler: Köchinnen suchen sie immer händeringend

Davon können die Koch-Rebellen Philip Rachinger, Felix Schellhorn und Lukas Mraz übrigens ein Lied singen – haben sie sich doch schon ausgiebig mit Mälzer vor der Kamera duelliert. Doch nun stehen sie als Healthy Boy Band auf der Bühne. Klar: Statt einer braven Kochvorführung zerlegen sie die heiligen Kühe der Gourmet-Elite. „Ich nähere mich lieber über Fehler, Tabus und schlechte Angewohnheiten an. Das bringt mehr fürs Lokal und die Mitarbeiter“, stellt Rachinger klar. Mraz sekundiert: „Fine Dining ist tot? Für mich eine Attitude, mit deren Begrifflichkeit ich absolut nichts anfangen kann. Spaß in der Küche und im Restaurant sind das Wichtigste!“

Healthy Boy Band
Was die Healthy Boy Band – also Philip Rachinger, Felix Schellhorn und Lukas Mraz – diesmal auftischte? Die sieben Todsünden der Küche! Und verdammt viel gute Laune

Wie sehr die kulinarische Zunft um einen Brückenschlag zwischen Erlebnis und Perfektion ringt, zeigt schließlich das monumentale Gipfeltreffen auf der Summit.Stage: Jan Hartwig, Tim Raue und Max Strohe debattieren über Fluch und Segen des Guide Michelin. Nur wenige Schritte entfernt ist inzwischen Sebastian Frank auf der Chef.Stage tief in seine Materie eingetaucht – eine riesige Menschentraube vor sich, die andächtig lauscht. Der Zwei-Sterne-Chef im Berliner „Horváth“ sagt gern Sätze wie: „Fuck Kaviar!“ Für ihn geht es schließlich um die nackte Emanzipation von Luxusklischees: „Fine Dining lebt, nur das reproduzierbare Mittelmaß ist bald mausetot“, so seine ungeschönte Prognose. Passend dazu fordert Rosina Ostler eine radikale Modernisierung des Küchenalltags: „Man muss inklusiver denken. Alte Hierarchien hinter sich lassen. Ein Chef ist heute nicht nur ein Koch, sondern vor allem ein Manager. Nur so kannst du mit Passion kochen.“

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Was machen Sterne mit Köchen? Welche Zukunft hat der Guide Michelin? Tim Raue, Jan Hartwig und Max Strohe lieferten dem knallvollen Saal eine hochspannende Diskussion.

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Dass Grenzen nur im Kopf entstehen, führen im Anschluss Elif Oskan und Markus Stöckle vor: Das kongeniale Kulinarik-Paar zeigt, wie japanische Inspiration und Schweizer Präzision miteinander funktionieren können. Unerschrocken gibt sich auch der mexikanische Überflieger Santiago Lastra, der mit seinem Londoner Restaurant „KOL“ die Szene aufmischt: „Herkunft muss keine Grenze sein. Wir bieten mexikanische Küche mit fast ausschließlich britischen Zutaten. Mexican Soul meets British Opinion.“ Und dann kommt Lucki Maurer. Der Fleischpapst und Heavy-Metal-Bassist marschiert auf die Bühne, packt das Ausbeinmesser aus und zerlegt ein halbes Rind mit der Präzision eines Chirurgen: „Kochen ist eine Kunst, und Kunst hat keinen Horizont. Für uns sollte der Tellerrand auch nicht der Horizont sein!“ Den Gegenpol setzt sogleich Sara Aqel. Die Spitzenköchin des „Dara Dining“ in Amman, gefeiert als Best Female Chef der MENA-Region, bringt eine emotionale Wärme in den Saal, die berührt: „Mir ist es wichtig zu erzählen, wer wir vorher waren, bevor wir Chef geworden sind.“

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Warum bitte soll Fusionsküche die Zukunft sein? Santiago Lastra verblüffte mit seinen Erläuterungen auf der Summit.Stage –kulinarische Beweisführung in Tellerform inklusive!

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Sara Aqel auf der Bühne der Rolling Pin.Convention Germany 2026.
Sara Aqel lieferte emotionale Zugänge mit ihrem Thema „Warum jede erfolgreiche Küche eine eigene, unkonventionelle Philosophie benötigt“

Nun aber gehört die Bühne allein Tim Raue. Nach der Sternediskussion will er nun nur eines: kochen. Seine Königsberger Klopse nach Rezept von Oma Gerda – verfeinert für Barack Obama – gehen im Berliner Fernsehturm tausendfach über den Tresen. Doch Raue wäre nicht Raue ohne seine Berliner Schnauze: „Da ich ja bekanntlich eine Luxus-Schlampe bin, gebe ich zum Verfeinern noch etwas Kaviar und Trüffelsaft drüber! Gerichte weiterzuentwickeln, die man selbst gerne isst, ist die eigentliche Kunst. Es geht darum, genau das zu servieren, was du selbst liebst und kannst!“ Einen fast schon beängstigend visionären Blick in die Zukunft wagt Rasmus Munk vom Kopenhagener Weltklasse-Restaurant „Alchemist“. Munk will nicht weniger als mit Protein-Synthese aus CO2 den Hunger auf dem Planeten bekämpfen. Doch solche Projekte verlangen Zeit und Energie – Ressourcen, die auch sein Spitzenrestaurant beanspruchen. Munk zieht Konsequenzen und kündigt an: „Genau darum muss ich das Konzept meines Restaurants neu denken.“ Ab 2027 wird der Alchemist für fünf Monate schließen; gleichzeitig reduziert Munk die Zahl der Gäste von 10.000 pro Jahr auf 6.000. Ein radikaler Koch, ein radikaler Denker.

Tim Raue
Tim Raue machte zuerst deutlich, dass ihn Instagram und Chichi genau gar nicht interessieren. Dann ging’s unter dem Thema „Die Neuerfindung der deutschen Kulinarik“ aber rasant in die Tiefe.
Rasmus Munk
Rasmus Munk hat ein Konzept entwickelt, bei dem sein Alchemist jährlich statt 10.000 nur noch 6.000 Gästen ein kulinarisches Abenteuer ermöglicht. Trotzdem muss er keine Mitarbeiter kündigen!

Er hat eine Vision, die weit über sein Tun als Drei-Sterne-Chef hinausreicht. Das unterstrich Rasmus Munk auf der Rolling Pin.Convention Germany auf eindrucksvolle Weise: Auf der großen Bühne erläuterte er sein überraschendes Vorhaben, seinen Alchemist jedes Jahr für fünf Monate zu schließen, um sich selbst und seinem Team jene Zeit zu schenken, die es braucht, um langfristig visionär sein zu können. Das ist wahrer unternehmerischer Mut!

 

„Projekte, die die Welt verändern sollen, brauchen Zeit und Kraft. Beides nehme ich mir jetzt!“
Rasmus Munk hat erkannt, dass das tägliche Hamsterrad keine echte Vision ermöglicht.

Als am späten Nachmittag Jan Hartwig zum besten Koch Deutschlands (Platz eins der „100 Best Chefs Germany 2026“) gekürt wird, kocht die Stimmung fast über. Doch der emotionale Siedepunkt steht noch bevor. Die Kesselhalle ist wegen Überfüllung abgeriegelt, als Jamie Oliver die Summit.Stage betritt. Standing Ovations, ohrenbetäubender Jubel. Der Mann, der einst ein weltweites Restaurant-Imperium aufbaute und den schmerzhaften Zusammenbruch von „Jamie’s Italian“ verkraften musste, gibt im einstündigen Bühnen-Talk tiefe Einblicke in sein Leben, seine Vision – und sein Scheitern. Bei der Gelegenheit nimmt er gleich einmal die Politik in die Pflicht: „Unsere Regierungen sehen keinen Unterschied zwischen einem leidenschaftlichen Familienbetrieb und Domino’s Pizza!“ (Mehr dazu siehe Interview Seite 18). Als ihm schließlich der Award als „Inspiration Chef of the Decade“ überreicht wird, bricht die Fassade des globalen TV-Giganten. Jamie Oliver kämpft mit den Tränen, überwältigt von der Energie im Saal. In diesem Moment schließt sich der Kreis – und es wird offensichtlich: Kochen ist kein Geschäft wie jedes andere. Es ist Hingabe, Risiko, Scheitern und Triumph. „Und solange dieses Feuer in euch brennt, ist die Gastronomie unsterblich!“ sagt Jamie.

Jamie Oliver auf der Bühne der Rolling Pin Convention Germany 2026 in Düsseldorf.
„Wir haben gerade eine Umfrage in Großbritannien gemacht: 25 Prozent der Menschen würden ihr Essen mittlerweile lieber trinken als kauen, weil sie schlicht zu verdammt beschäftigt sind. Das ist doch geisteskrank.“ Jamie Oliver nahm sich auf der Bühne kein Blatt vor den Mund, sorgte aber gleichzeitig für Lacher und echte Emotionen.

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